Andy Warhol, Time Capsule 232, 1979. Bildbeschreibung: Auf einem Holzboden steht ein brauner Pappkarton, der zum Teil mit braunem Klebeband beklebt ist. Mit einem dunkelroten Stift wurde zwei Mal „N.Y. Post Covers" auf den Karton geschrieben – einmal seitlich und einmal auf den Deckel des Kartons. Um den Karton herum liegen zahlreiche leicht vergilbte Zeitungen aufgefächert.

Andy Warhol's Time Capsules

Das MUSEUMMMKFÜR MODERNE KUNST zeigt im Zusammenhang mit der eigenen Werkgruppe früher Zeichnungen, Gemälde und Plastiken Andy Warhols eine umfangreiche Auswahl seiner Time Capsules. Was bislang durch das Andy Warhol Museum in Pittsburgh wie ein Schatz gehütet wurde, wird nun erstmals einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Mitte der 60er Jahre beginnend, wahrscheinlich bedingt durch häufige Umzüge der Factory, sammelte Andy Warhol (1928 Pittsburgh - 1987 New York) zunächst sporadisch, dann ab 1974 konsequent bis zu seinem Lebensende in 610 Pappkartons alles, was ihm in seinem Alltag bewahrenswert erschien – von der wertvollen Zeichnung bis zum trivialen Gegenstand. Der Inhalt der Schachteln wurde oft thematisch geordnet. War eine Time Capsule gefüllt, wurde sie verschlossen, beschriftet und zu Lebzeiten Warhols nicht mehr geöffnet.

„Tennessee Williams hebt alles in einem Schrankkoffer auf und schickt ihn anschließend auf ein Lager. Ich habe auch mit Schrankkoffern und überzähligen Möbelstücken angefangen, aber dann ging ich auf die Suche nach etwas Besserem. Jetzt tue ich alles in gleich große braune Pappkartons […] Ich hasse wehmütige Erinnerungen, und im tiefsten Inneren hoffe ich daher auch, dass die Schachteln alle verloren gehen, damit ich sie nie wieder durchzusehen brauche. Das ist auch so ein Konflikt. Sobald ich etwas bekomme, möchte ich es am liebsten gleich aus dem Fenster werfen, aber statt dessen sage ich danke und lege es in den Karton des Monats. Die Kehrseite der Medaille ist nämlich, dass ich Sachen wirklich aufheben will, damit sie eines Tages wieder Verwendung finden.“
—Andy Warhol: Die Philosophie des Andy Warhol von A bis B und zurück

Erst nach dem Tod des Künstlers hat das Andy Warhol Museum begonnen, die Kartons wieder zu öffnen und zu inventarisieren. Aus den rund 100 bislang bearbeiteten Time Capsules haben wir 15 exemplarisch ausgewählt, die einen umfangreichen Einblick in das Leben und die künstlerische Vorgehensweise Warhols gestatten. Geradezu obsessiv dokumentierte Warhol seine eigene Existenz, indem er nicht nur wichtiges Quellenmaterial für seine Kunst, sondern auch Treibgut des Alltäglichen wie Rechnungen, Quittungen, Telefonanrufnotizen und Briefe aufbewahrte. Auf diese Weise entfaltet die Ausstellung das Universum eines einzigartigen Künstlers, Filmemachers, Herausgebers, Musikproduzenten, Geschäftsmannes, Sammlers und Superstars. Die Zeitspanne der gesammelten Gegenstände reicht von den frühen Kinderbüchern der 30er Jahre bis hin zur Club- und Partyszene des Studio 54 Anfang der 80er Jahre.

In kaum einem anderen Werk eines Künstlers des 20. Jahrhunderts wurde so radikal eine Ästhetik entworfen, die „high and low“ verbindet. Die Time Capsules als Enzyklopädie individueller Leidenschaften sind die Lebensspur selbst, in der das Heterogene dominiert. Es sind die letzten Wunderkammern. Warhols Time Capsules ermöglichen eine eindrucksvolle kulturgeschichtliche „Reise in die Vergangenheit“ der kapitalistischen amerikanischen Gesellschaft von den 60er bis zu den 80er Jahren. Sie zeigen beispielhaft Phänomene der Massen- und Populärkultur, die auch für die heutige europäische Gesellschaft immer noch bestimmend sind.

Die Ausstellung der Time Capsules entfaltet nicht nur auf sehr ungewöhnliche Weise das enorme Spektrum dieses bedeutenden Künstlers und seiner Zeit, sondern befragt ganz grundsätzlich die Idee des Museums – auch als Archiv.

Die Ausstellung ist eine Kooperation zwischen The Andy Warhol Museum, Pittsburgh, einem der vier Carnegie Museen von Pittsburgh und dem MUSEUMMMKFÜR MODERNE KUNST, Frankfurt am Main.

Die Ausstellung wird maßgeblich gefördert durch die Kulturstiftung des Bundes und die Hessische Kulturstiftung.

Im Weiteren danken wir:

—3 x 8 Fonds, einer Initiative von 12 Frankfurter Unternehmen und der Stadt Frankfurt am Main
—und der Tischgesellschaft 2003 des MMK,
—Alfred Ritter GmbH & Co. KG, Harald Quandt Finanz GbR und US Airways

Ausstellung

26. September 2003 — 29. Februar 2004

MUSEUMMMK

Domstraße 10
60311 Frankfurt am Main


  • Montag Geschlossen
  • Dienstag 10:00 - 18:00
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